Als Künstlerin bist du per se experimentell in deiner Arbeit, weil du immer nach Neuem strebst. Du sucht Möglichkeiten des Ausdrucks, probierst Material aus und schaust, wie du dein Kunstwerk bestmöglich ausdrücken kannst. Deine Kreativität, die durch das Experiment befeuert wird, ermöglicht dir, neue Formen, Kombinationen und Perspektiven zu finden.

Die Inhalte, mit denen sich Künstler seit jeher beschäftigt haben, sind immer ähnlich. Die Sicht auf die Dinge in der Welt und die Menschen haben sich im Laufe der Zeit aber ständig verändert.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, politische und gesellschaftliche Veränderungen erfordern neue Zugänge zur Kunst.

„Bildender Künstler ist jeder, der mit geeigneten Ausdrucksmitteln wie Linie, Farbe, Licht, Wasser, Metall, Stein, Holz, Erde usw., aber auch mit künstlichen Materialien in mehr oder weniger kontinuierlicher Folge neuartige ästhetische Synthesen schafft, die dem oder den Rezipienten die Möglichkeit des Kunsterlebnisses bieten.“
Dieses Zitat las ich von wem???

Dieses Schaffen fällt nicht vom Himmel. Als individueller und schöpferischer Mensch mit kreativer Ader suchst du es nicht auf eingefahrenen Wegen. Wie ein Forscher wagst du dich auf unbekanntes Terrain.

Kleine Kinder nehmen etwas in die Hand, demontieren es neugierig, drehen und wenden oder schütteln es, um zu verstehen, was es ist und wofür es gut sein könnte.

Diese Vorangehensweise ist für Künstler:innen vorbildlich. Es geht doch darum, herauszufinden, wie und womit die Aspekte des Kunstwerks aufzeiget werden soll. Dazu müssen sie untersucht, geprüft und verstanden werden.

– Experimentieren, um zu sehen –

Um in der Kunst erfolgreich zu agieren, muß man sein Medium, mit dem man die Kunst schafft, gut kennen. Dazu gehört das Ausprobieren, Grenzen ausloten und vielleicht auch zu überschreiten, Probleme zu lösen und Veränderungen zu organisieren.
Hilfreich sind dabei unkonventionelles Denken und, wie eben schon erwähnt, Handlungssicherheit.

In den Workshops erlebe ich, wie Malende gern alles unter Kontrolle haben möchten. Aber wie gut ist das wirklich?

Wenn etwas Neues entstehen soll, muß man auch etwas Neues machen.

Das Neue muß nicht immer richtig sein. Ich produziere relativ viel Unbrauchbares, wenn ich z.B. Versuche mit den Malmaterialien mache. Manches klappt, wie ich es mir vorstelle, begeistert mich aber nicht. Manches funktioniert einfach nicht und nur ein kleiner Teil der Ergebnisse dieses Ausprobierens ist tatsächlich richtig gut! Um den geht es mir.

Ein totales Scheitern gibt es meiner Meinung nach nicht. Wenn etwas gar nicht werden will, dann habe ich immer noch die Option, das Bild, oder vielleicht auch nur Teile davon, zu übermalen. Neue Ideen tauchen auf und das Spiel kann weiter gehen.

Im Experiment kann gesucht, befragt und ausprobiert werden. Man kann etwas verwerfen oder verändern. D.h., du reagierst immer auf das, was (auch unerwartete ) geschieht.

Bei Versuchen mit unbekanntem Ausgang können wir etwas lernen. Wenn Du vor dem Experiment noch unsicher und unwissend warst, gewinnst du durch das Experiment Wissen und Erfahrungen.

dav

Kreativität ist kein Produkt, sondern ein Tun.
Künstlerisches Tun ist nicht zielgerichtet.
Die produktiven Prozesse genügen sich selbst. Sie sind eigenständige Versuche , um Wissen zu erlagen.

Das Ergebnis dieser 3 Dinge ist eine künstlerische Forschung; ein offner Prozess, der keiner Logik folgen muß.

Das Scheitern, aber auch das Ausprobieren eigener Grenzen sind oft Auslöser für qualitative Veränderungen im künstlerischen Prozeß.

Das Experiment in der Praxis

Im Experiment treten meistens keine fertigen Bilder auf. Es sind eher Skizzen, Schriftstücke, Anleitungstexte, oder auch Künstlerbücher mit deinen Notizen und Beobachtungen, die eine eigene ästhetische Qualität entfalten. ( Siehe auch das Moodboard im letzten Blog)
Du arbeitest mit Bedeutungen, Assoziationen und Kontexten. Gewohnte Sichtweisen werden hinterfragt und in neue Zusammenhänge und Perspektiven gesetzt.

Das betrifft nicht nur den Inhalt deiner Bildaussage, sondern auch die Materialien, mit denen du arbeitest. Probiere sie in unterschiedlichen Kombinationen und Farben aus. Mache Versuche mit einem Materialmix. Zeichne, drucke, collagiere und schaue, was für die Unterstützung deiner Bildaussage am Besten ist. Benutze deine Sammlungen, Gedanken, Intuitionen und Inspirationen. Arbeite mit matten, flüssigen, festen Farben; rolle , spachtel, schütte, pinsel sie auf unterschiedliche Untergründe. ( Auf z.B. verschiedenen Papieren gibt es unterschiedliche Ergebnisse).

Verändere die Perspektive, wenn es sein muß, wähle Ausschnitte, benutze eigene Fotos…… Du gewinnst an Kompetenzen mit dem Umgang der künstlerischen Medien, und baust dir deinen Erfahrungsschatz auf.

Arbeite gleichzeitig an mehreren Versuchen, d.h. auf mehreren nicht zu großen Untergründen und versuche, nicht so viel über das nachzudenken, was du da gerade tust. Du kannst Papiere als Platzhalter für Farbflächen hin und her schieben, um Kompositionen auszuprobieren und Ergebnisse in Notizbücher schreiben oder zeichnen, um sie nicht zu vergessen.

Das Experiment produziert eine intensive Dynamik und verläuft nicht planmäßig. Es besteht darin, daß du eine unbekannte Situation herbeiführst und dich vom Ergebnis überraschen läßt.
Genau durch diese experimentellen Ergebnisse gewinnst du Erkenntnisse.

Diese Erkenntnisse kann niemand für dich machen. Du brauchst eine eigene individuelle und reale Erfahrung. Die Ergebnisse dieser Erfahrungen bringst du in deiner künstlerischen Arbeit überlegt und zielgerichtet ein.

Am Besten funktioniert das Ganze, wenn du den Prozeß des Experimentierens vollkommen wertneutral durchführt, sonst funktioniert es nicht. Deshalb mußt du mit dir selbst bewertungsfrei umgehen.

Denke nicht zu früh, daß du noch niemals etwas Schlechteres gemacht hast, denn am Anfang kann die Arbeit noch nicht bewertet werden. Sie ist ja nicht fertig, sie steckt noch im Entstehungsprozeß und ist somit ein Zwischenergebnis, das noch gar nicht bewertet werden kann, weil noch zu vieles unausgereift ist.

Um neue Erfahrungen zu entwickeln muß man „Fehler“ machen, um sie als solche zu erkennen. Unbrauchbares entsteht, aber dann sind auch immer wundervolle Zufälle dabei. Und um die geht es.

So kann ein künstlerische Prozeß sehr befriedigend empfunden werden, auch ohne ein abschließendes Ergebnis zu haben.

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