Die Bildkomposition und der persönliche Ausdruck

/ / Aktivitäten im Atelier, Atelier in der Kirche, Boitin-Resdorf, Malen / 3. Mai 2021

Ergänzend zu den Regeln in der Bildkompositionen möchte ich heute über einen weiteren wichtigen Aspekt sprechen : über den persönlichen Ausdruck.

Ein  Bild zu komponieren, funktioniert im Grunde genauso, wie wir auch alle anderen Dinge in unserem Leben organisieren. 

So wie wir in unserem Lebensraum agieren, tun wir es auch im Bildraum, beim Bilder malen. 

Wir müssen uns genauso entscheiden, wie im sozialen Leben und dabei  befragen wir ständig uns selbst.

Im sozialen Leben hat jeder  Mensch  eigene Tendenzen. Die eine sucht  Gemeinschaften, arbeitet lieber im Team und ist gesellig, die andere ist eher eine Einzelgängerin und konzentriert sich gern allein auf ihre Aufgaben. Jede hat ihre eigene Meinung zu den Dingen, die um sie herum passieren. Entscheidungen fallen unterschiedlich aus, egal ob es um politische oder religiöse Entscheidungen geht, oder einfach um Kaufentscheidungen. Es gibt innerliche und äußerliche Entscheidungen  und man entfaltet mal kraftvolle und mal schwächere Entscheidungen. 

Und so ist es auch im kreativen Prozeß beim Bildermachen. Übrigens: gut integrierte Schwächeanteile sind der Garant für ein gutes Bild. Im sozialen Umgang ist es ein Zeichen von Stärke, Schwächen zuzugeben.

Das kannst du auch für ein Bild übertragen- du machst Fehler, bleibst gelassen und korrigierst sie. 

Du wirfst nicht das Bild weg  und nimmst dir auch nicht übel, daß du es nicht hinbekommst, sondern im besten Fall experimentierst du einfach weiter, bis es stimmt!

Menschliche Typen, Charaktäre und Temperamente prägen den Menschen und läßt ihn zu seinen eigenen Handlungen kommen. So auch im kreativen Prozeß, z.B. in der Malerei.

Als Kunsttherapeutin weiß ich: der Mensch kann nur so malen, wie er auch lebt. Beim Bildermachen, und damit in der Kommunikation mit sich selbst, führt die Entwicklung des Bildes zum Erfolg,  und wir sind zufrieden mit dem Ergebnis. Oder aber  zum genauen Gegenteil und somit zu mittleren Katastrophen, vor denen wir dann ratlos stehen. So wie im „richtigen „Leben, so wie wir es im  Umgang mit anderen eben auch  erleben.

Es gibt Menschen, die genau wissen, was sie jetzt gleich malen werden. Sie arbeiten mit dem Verstand und der Vernunft  , machen sich ein Konzept  , fertigen Skizzen an , wenden Mal-Regeln und Malgesetze an,  und geben sich  Eingrenzungen ( z.B. der reinen Lehre des Bildaufbaues) .

Das sind die  Kopfmenschen.

Andere handeln Intuitiv und spontan . Sie mögen es, unbefangen an ihr Kunstwerk heranzugehen, ohne Ideen und bereits vorhandene  Vorstellungen lassen sie sich auf ein Spiel in  ihrem Bildraum ein, kennen kein Ziel und lassen sich treiben. Sie rechnen mit allem, auch damit, daß sie im Chaos landen. Aber sie hoffen auch auf tolle Überraschungen, die ihnen das Bild liefert. 

Das ist der Bauchtyp.

Wie ihr schon im Onlinekurs gemerkt habt, bin ich für eine Mischung aus beidem. Ich plane für den Anfang, verlaß aber auch Pläne, wenn sich etwas besseres während des kreativen Aktes ergibt. Und das passiert meistens. Ich halte dann nicht fest an dem, was ich mir vorgenommen habe, sondern  antworte auf das, was zufällig auch noch passiert, und was mir möglicherweise besser gefällt, als das, was ich mir vorgenommen habe.

Damit verlasse ich zwar meine Komfortzone, aber die positive Konsequenz daraus ist, daß ich meine gewohnte Sicht auf  das Bild und meine Möglichkeiten erweitere. Hier sei auch noch einmal das Spielfeld erwähnt y( der Bildraum als Experimentierfeld  ) wo ich  ohne Gefahr neue Wege ( Verhaltensmuster ) ausprobieren kann. Nur das führt mich zu einer Entwicklung nicht nur in meiner Malerei, sondern auch bei mir selbst. Ich werde kreativer, und  das ist zur Zeit in allen Bereichen gefragt. 

Wenn ich von einem Bildraum spreche, dann meine ich in der Regel einen  anderen Raum, als den, auf dem  ich mich mit meinen Füßen gerade befinde. 

Ich meine die Fläche, die mir im Bild zur Verfügung steht und in der ich mein Bild komponieren.

Jedes Ding – jede Tatsache – die ich im Bild schaffe, muß sich in der Fläche mit  den anderen Tatsachen arrangieren. Das macht den Malprozess aus. 

Dieser lebendige Malprozess findet auf einer inneren Ebene statt und in diesem Sinne ergibt sich  die Bildkompositionen auf sehr natürliche Weise .Was heißt das? 

Irgendwo habe ich ein schönes Beispiel gelesen, daß dem Sinn nach so geht: das Malen   eines Bildes ist wie das Betreten eines Hauses , in dem ich mich zum ersten Mal befinde. Ich nehme alles wahr, die  Wände, die Winkel, die Anordnung der Türen und  Fenster, die Höhe der Decke , den Fußboden. Ich erlebe hier die Energie, die der Raum ausstrahlt und erfahre etwas über Enge und Weite, hoch und niedrig, groß und klein am eigenen Leibe. 

Wenn  ich mir jetzt vorstelle, daß ich wie durch Zauberhand auch physisch einen  Bildraum betreten  kann, kann ich dasselbe erleben. Ich tue so, als ob ich zwischen den Flächen, Farb- Flecken oder Linien stehe und alles mit den Augen abtasten könnte. Ich  nehme die raumbildende  Energie der einzelnen Bildelemente wahr. 

Das Gefühl von  Enge oder Weite, gerade und rund, offen und geschlossen , oben und unten wird für mich spürbar,  um nur einige der möglichen Bildelemente zu nennen . In meinen Bild kann ich sie alle  verschieben, bauen und umbauen, bis ich sie so habe, daß sie zu meinem guten Raumempfinden passen. An dieser Stelle findet eine ästhetische Bildung durch die Kunst statt. 

Für die Kunst gilt: der Mensch ist das Zentrum. Seine Organisation ist verbindlich. Wenn man die eigene Natur mitarbeiten läßt, d.h. nach  dem menschlichen Maß gestaltet, dann liegt man immer richtig, auch in der Bildgestaltung.

Unser Empfinden, daß der Himmel oben ist und die Erde sich unten befindet, ist tief in uns verwurzelt und überall gleich, auch bezogen auf eine Bildkompositionen. Wir messen dem unteren Bildrand mehr Gewicht zu, als dem oberen, weil wir es nicht anders kennen, als daß uns die Erdanziehung schwer macht. Eine unten stehende Form empfinden wir immer als ein festes Fundament, und sie wird eher als abgeschlossen und begrenzt erlebt. 

Trotz  des Gebundenseins durch die Erdhaftung ist die Möglichkeit mit eingeschlossen,  sich im Raum zubewegen , zu gehen, zu handeln und sich zu entfalten . 

Die untere Fläche trägt die ganzen oberen Gewichte. 

Den oberen Bildrand nehmen wir als freieren, offenen Bereich wahr, in dem wir den Dingen eine andere Leichtigkeit beimessen. Oben im Bild fühlen wir Leichtigkeit und Schwerelosigkeit.  

Als aufrecht stehende Wesen  balancieren wir uns stets aus und rücken unseren Körperschwerpunkt immer an die richtige Stelle, um nicht zu stürzen. Wir beschleunigen oder bremsen. Dieses Ausloten und Unterstützen ist uns ein gegebenes Bedürfnis, das wir auch in der Bildkompositionen anwenden. 

Um zu sehen, ob deine Bildkompositionen im richtigen Lot ist, stelle dir eine Wage vor, die unter dem Bildrand steht. Ist alles ausgewogen? 

Alle diese beschriebenen Elemente und  Empfindungen setzte ich so um, daß ich diese Energien auch in meinem Bild spüren kann.  

Ich muß dann nicht sagen:“ aha, hier ist ein Raum, den ich aus der Erkenntnis der Regeln verschiedener  Raumsysteme kenne und definieren kann. „

Sondern: „ wie wunderbar ist diese Welt, da ich mich mit meiner eigenen Gesetzmäßigkeit in jedem Ding in diesem Raum wiederfinden darf“.

Dieses persönliche Erleben auszudrücken ist für mich in der Kunst genauso wichtig, wie auch die Logik , die sich aus den reinen Bildgesetzen begründet. Es ist gut, die Regeln der Komposition zu kennen und einzusetzen und dennoch geht es nicht nur nach Regeln und Korrektheit , sondern auch um Authenzität – und darum, daß du es bist, die das Bild gemalt hat. 

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